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  "Missbrauch Hort Nie Auf"

TAZ
December 2, 2011

http://taz.de/Christine-Bergmann-ueber-sexuelle-Gewalt/!82782/

Paderasten manipulieren Kinder mit Satzen wie "Du willst das doch auch, du findest das schon", sagt Christine Bergmann. Bild: TimToppik / photocase.com

taz: Frau Bergmann, am heutigen Mittwoch tagt der Runde Tisch zur Aufklarung der sexuellen Gewalt gegen Kinder zum letzten Mal. Sie haben Ihr Amt Ende Oktober aufgegeben. Sind Sie froh, dass Sie damit die sexuelle Gewalt hinter sich gelassen haben?

Christine Bergmann: Dieses Thema wird man wahrscheinlich nicht mehr los. Aber meinen Auftrag habe ich abgearbeitet und ich wollte mich jetzt auch um meine Familie kummern, die sich schon Sorgen machte.

Haben Sie mit Ihrer Familie uber sexuelle Gewalt an Kindern gesprochen?

Na klar, das geht nicht spurlos an den Menschen voruber, die einem nahestehen. Mein Sohn hat mir irgendwann signalisiert, das Wort Missbrauch fallt jetzt mal eine Woche nicht.

Weil er es nicht mehr horen konnte?

Nein, er wollte mich schutzen. Ich sollte mich mal ein paar Tage nicht mit diesen furchtbaren Taten befassen. Aber man kommt da nicht mehr raus.

Warum ist das so?

Das ist kein Thema wie Arbeitsmarkt oder Familienpolitik, bei dem man sich als Ministerin in ein Thema sachlich einarbeitet und dann am Ende ein Gesetz herauskommt. Missbrauch hort nie auf. Das kommt immer wieder zuruck. Auch in einem selbst. Ich hatte ja Ende Oktober Schluss gemacht. Und prompt kamen dann diese Geschichten mit der Berliner Parkeisenbahn hoch.

Sie meinen den Berliner Freizeitpark, wo mutma?lich eine ganze Gruppe von Paderasten Kinder missbrauchte.

Ja, da ist man sofort wieder drinnen im Thema. Man fragt sich: Was machen die denn jetzt? Und dann sieht man, wie hilflos agiert wird. Ich dachte, das gibts doch nicht, die mussen sich doch sofort professionelle Hilfe beim Aufklaren holen!

Ist das schon so klar?

Ja, ich finde heute muss jede Einrichtung, in der Kinder sind, wissen, was sie zu tun hat. Wenn ein Missbrauchsverdacht aufkommt, dann muss man sich an die Beratungsstellen vor Ort oder an unsere telefonischen Anlaufstelle wenden. Es mussen unabhangige Psychologen und Traumatherapeuten her. Und vor allem: Man muss zuhoren, den Betroffenen zuhoren und ihnen glauben. Das ist das Wichtigste.

Warum hat Sie der Fall Parkeisenbahn so beruhrt?

Ich habe diese Bahn schon zu DDR-Zeiten mit meinen Kindern besucht, als sie noch Pioniereisenbahn hie?. Da erschrickt man im Nachhinein. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Da sind Kinder und da sind Nischen, in denen die Paderasten unbeobachtet sind. Es gab sogar Warnungen von der Polizei! Aber es hat sich niemand darum gekummert. Da fragt man sich: Das kann doch alles nicht wahr sein!

Hat es Sie da gejuckt, wieder ins Buro zu gehen?

Ja, aber ich war im Urlaub. Sonst ware ich vielleicht sofort zu meinem Team zuruck. Aber ich wusste auch, dass man Kindern heute eher glaubt. Etwas Grundlegendes hat sich in der Gesellschaft geandert.

Wie kommen Sie darauf?

Es gibt eine allgemeine Sensibilisierung. Fur mich ist ein wichtiges Zeichen, was mir viele Eltern erzahlen. Wenn ihre Kinder auf Klassenfahrt oder Jugendfreizeit gehen und irgendjemand dort mitfahrt, dann fragen die: Wer ist das, der da mitfahrt? Ist er sich der Gefahrdungen bewusst? Hat er ein erweitertes polizeiliches Fuhrungszeugnis vorgelegt?

Das ist kein sicherer Schutz.

Klar ist das kein 100-prozentiger Schutz, den gibt es nie. Aber wenn sich eine Einrichtung mit den Moglichkeiten des Missbrauchs auseinandersetzt, dann schreckt das Paderasten ab. Die suchen sich die Institutionen sehr genau aus, in denen sie sexuelle Gewalt ausuben konnen. Wenn eine Einrichtung ein erweitertes polizeiliches Fuhrungszeugnis verlangt, dann schreckt das zunachst ab.

Viele Missbrauchsinitiativen furchten, dass die Konjunktur der Aufmerksamkeit bald wieder in sich zusammen fallt. Das Rollback kommt garantiert!

Ich wei?, dass wir noch am Anfang stehen. Aber ich hatte diese Arbeit gar nicht machen konnen, wenn ich nicht einen Schuss Optimismus in meinen Genen hatte. Ich brauche das Gefuhl, dass wir etwas fur die Kinder erreichen konnen.

Frau Bergmann, welche Verletzungen tragt ein Kind bei sexueller Gewalt davon?

Den Verlust an Vertrauen. Er entsteht, wenn Menschen einem sexuelle Gewalt antun, denen man anvertraut ist oder die man liebt. Es ist furchtbar fur das Kind, wenn man auch noch Schuld bei ihm abladt.

Wie kann so etwas funktionieren?

Die Kinder werden manipuliert. Paderasten setzen dazu ein ganzes Arsenal von psychologischen Techniken ein. Wir haben uns im Padophilenprojekt der Berliner Charite Szenen angeschaut, die die Taterstrategien offenlegen. Da horen Sie dann Stimmen, die zu einem zehnjahrigen Madchen sagen: "Du willst das doch auch, du findest das schon." Diese Form der Manipulation ist schrecklich, das ist geradezu sadistisch. Diese Szenen werde ich nicht mehr los.

Geht der Vertrauensverlust allein vom Tater aus?

Nein. Das Unertragliche ist, dass die Kinder, wenn sie sich aus dem Kokon von Schweigen und vermeintlicher Schuld heraustrauen, nicht auf offene Ohren sto?en. Sie suchen nach Hilfe - aber sie bekommen sie nicht. Wie soll ein Mensch, der so etwas erlebt hat, jemals wieder zu irgendjemandem Zutrauen haben.

Manche Betroffene sagen: Der gro?te Vertrauensverlust ist der zu sich selbst: Man vertraut nicht mehr darauf, dass man nein sagen konnte!

Ja, Wurde und Mundigkeit eines Kindes werden zerstort. Der Tater nimmt dem Kind seine Stimme – und sein Ich.

Haben Sie selbst durch Ihre Arbeit das Vertrauen in Menschen verloren?

Ich habe heute einen anderen Blick. Ich traue bestimmten Leuten nicht mehr. Wenn ich zum Beispiel am Strand entlanggehe, dann merke ich unwillkurlich auf: Wer fotografiert denn da Kinder? Wer ist denn da noch alles mit dabei? Ich gehe den Leuten mit meinen permanenten Warnungen schon auf den Geist.

Kann eine Gesellschaft uberhaupt lernen, dass sexuelle Gewalt eine tiefe seelische Verletzung bei den Opfern nach sich zieht?

Wenn man will, kann man alles kapieren. Aber man muss sich auf das Thema einlassen. Das bedeutet, die gro?te Hurde fur das Verstehen ist die Tabuisierung. Die mussen wir unbedingt durchbrechen.

Wie druckt sich das Tabu aus?

Die Leute fragen mich: "Warum tust du dir das an?" Ich kann das auch verstehen. Man mochte nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas mit Kindern macht. Man will nicht wahrhaben, dass sexuelle Gewalt geschieht, dass sie nicht verfolgt, geahndet und wirksam entschadigt wird. Man denkt, "Gott nein, so mochte ich die Welt nicht haben!". Aber genau dieses Tabu mussen wir durchbrechen. Wir brauchen Menschen, die sich mit Missbrauch, Padokriminalitat und den seelischen Folgen auseinandersetzen.

Was hei?t das konkret?

Der Polizist, der zehn Jahre nach der Tat ein Anzeige aufnehmen soll, darf eben nicht sagen: Ja, wenn sie jetzt erst kommen, dann kann es ja nicht so schlimm gewesen sein. Denn das Gegenteil stimmt.

Wenn schon Individuen abschalten, wie sollen da erst Institutionen lernen, empathisch zu sein?

Schulen zum Beispiel mussen das Thema annehmen. Ich habe von einem Lehrerverband die Frage gehort: Sollen die Padagogen sich jetzt auch noch um den Missbrauch kummern? Da sage ich: Ja, das kann ich euch nicht ersparen!

Warum Schulen?

Die meisten Missbrauchsfalle werden dadurch bekannt, dass sich Schulerinnen und Schuler in der Schule an eine Vertrauensperson wenden. Das hei?t, wir mussen in den Schulen ein Klima der Offenheit erzeugen. Dafur brauchen die Lehrer Fortbildungen. Und um das zu verstehen, gehoren meines Erachtens auch Einzelfalle dazu.

Warum ist der Einzelfall so wichtig?

Der Regisseur Christoph Rohl hat einen eindrucksvollen Film uber die Odenwaldschule gemacht, er sagt, man kann Missbrauch nicht mit dem Kopf verstehen, man muss ihn mit dem Herzen erfahren. Das stimmt. Die Menschen werden nicht durch die Statistik, sondern durch einzelne Fallbeispiele beruhrt.

Wenn man von einer Behorde etwas will, dann muss man einen Antrag ausfullen. Das ist logisch. Die Betroffenen sagen trotzdem: Das ist eine Demutigung. Ich soll einen Antrag ausfullen wie beim Bafog-Amt: Das mache ich nicht.

Ja, das ist ein Dilemma. Die Frage ist, wo man beantragen muss. Was wir wollen, ist eine so genannte Clearingstelle. Sie soll die Plausibilitat der Antrage prufen. Kein Rechnungshof wird es hinnehmen, dass nur auf Zuruf was passiert. Uns ist auch wichtig, dass es eine anonyme Stelle ist.

Warum ist das wichtig?

Die Opfer mussen ihren Antrag dann nicht bei der Einrichtung stellen, in der es passiert ist.

Wird der letzte Runde Tisch diese Clearingstelle beschlie?en?

Ich bin fest davon uberzeugt.

Sie sind die Erfinderin der Clearingstelle - Sie sind aber seit 31. Oktober nicht mehr da.

Keine Sorge, ich wei?, dass wir weiter sind. Die Betroffenen sitzen mit am Runden Tisch, die wurden sich das nicht bieten lassen. Und die sollen auch in der Clearingstelle ihren festen Platz haben. Alles, was dort geschieht, sollen die Betroffenen mitbestimmen konnen.

 
 

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