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Priester-Rebell Will, Dass Alles Anders Wird

By Helmut Schüller
N-Tv
May 16, 2012

mobil.n-tv.de/politik/Rom-riskiert-die-Spaltung-der-Kirche-article6250136.html

Zum Zeichen der Demut liegen angehende Priester bei ihrer Weihe auf dem Boden. Die Zahl der Priester in Deutschland und Österreich sinkt kontinuierlich.

Helmut Schüller spricht konzentriert und unaufgeregt, doch was er sagt, hat es in sich. Der Pfarrer fordert die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und das Ende des Zölibats. Die Kommunion gibt er auch an Geschiedene, die wiederverheiratet sind - ein krasser Tabubruch. Schüller ist ungehorsam. Selbst der Papst spricht bereits öffentlich über seine Initiative.

n-tv.de: Herr Schüller, Sie lehnen eine ganze Reihe von zentralen Grundregeln der katholischen Kirche ab - müssten Sie nicht eigentlich die Kirche verlassen, anstatt darauf zu hoffen, dass die Kirche so viele Positionen aufgibt?

Helmut Schüller: Aber wir lehnen keine einzige Grundregel der Kirche ab.

Ihre Pfarrer-Initiative fordert, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, Sie fordern ein Ende des Zölibats.

Anerkannte Theologen haben längst dargelegt, dass es sich beim Priestertum der Frau nicht um zentrales Lehrgut handelt, sondern um Tradition. Alle anderen Themen - die Kritik an der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit, die Mitwirkung der Laien an den Entscheidungen der Kirche, das Ziel der ökumenischen Einheit - all das ist ganz zentral im Urdenken der Kirche und der Bibel verankert.

Die österreichischen und deutschen Bischöfe sehen das anders.

Auf theologischer Ebene gibt es keinerlei Debatte zwischen uns und den Bischöfen - solchen Gesprächen weichen sie vollkommen aus. Die verkehren mit uns allein auf der disziplinären Ebene. Theologisch ist man mit unseren Anliegen ganz offensichtlich sehr in Verlegenheit.

Theologisch ist der Zölibat nicht zu rechtfertigen?

Das ist ein Kirchengesetz, das jederzeit abgeschafft werden könnte, ohne die Dogmatik (die Glaubenslehre) der Kirche zu berühren. Es gibt einen Teil der katholischen Kirche, die griechisch-katholische Kirche. Das ist jener Teil, der im 18. Jahrhundert aus der orthodoxen Abspaltung zur Einheit mit dem Papst in Rom zurückgekehrt ist. Die griechisch-katholischen Priester dürfen verheiratet sein und werden doch von Rom als Priester anerkannt.

In Ländern wie Österreich und Deutschland sind Ihre Ansichten vermutlich mehrheitsfähig, aber die katholische Kirche ist ja eine globale Veranstaltung.

In Lateinamerika, Asien und Afrika wird die Kirche zum größten Teil von einer sehr patriarchalisch agierenden Führung geleitet. Das sind Gesellschaften, die gewissermaßen noch auf dem Weg zur demokratischen Entwicklung sind. Überall dort beobachten wir dieselben Entwicklungen: Sobald die Menschen in Städten leben, sobald sie Anschluss an das weltweite Kommunikationsnetz haben, gehen dieselben Fragen los. Zu behaupten, dass die Kirche in diesen Ländern blühe, ist eine wunderschöne Selbsttäuschung der römischen Kirchenleitung. Die Kirche blüht dort nicht, sie existiert in jenen Verhältnissen, die es auch bei uns einmal gab. Aber das wird nicht so bleiben: In dem Augenblick, in dem sich die Gesellschaften weiterentwickeln - und das tun sie! -, haben die Menschen dort dieselben Fragen wie wir.

Würde Rom mit einer Modernisierung in Ihrem Sinne nicht eine Spaltung riskieren?

Was Rom derzeit riskiert, ist eine Horizontalspaltung zwischen Kirchenleitung und Kirchenbasis. Zweitens kommt es natürlich immer darauf an, wie man Reformen einleitet. Und drittens muss man schon auch quantifizieren. Wie groß ist denn der Anteil derer, die absolut alles ablehnen, was das Zweite Vatikanische Konzil an Öffnungen begonnen hat? Da muss man schon seitens der Kirchenleitung abwägen, ob man einen großen Teil des Kirchenvolkes hinter sich lassen will oder nicht.

Man könnte argumentieren, dass der Konflikt um die sehr konservative Piusbruderschaft zeigt, dass die Einheit der Kirche nur durch harte Kompromisse erhalten werden kann.

Kompromisse mit einer Minderheit, die unhaltbare Positionen hat? Das ist Erpressung, keine Wahrung der Einheit.

Ihre Pfarrer-Initiative ist im vergangenen Jahr mit einem "Aufruf zum Ungehorsam" an die Öffentlichkeit gegangen. In der Regel toleriert die katholische Kirche Ungehorsam dann, wenn er nicht offensiv praktiziert wird.

So ist es.

Welche Formen von Ungehorsam praktizieren Sie und die anderen Mitglieder der Pfarrer-Initiative in Ihren Gemeinden?

Wir gehen in einzelnen Fragen eigene Wege. Wir lassen wiederverheiratete Geschiedene, die einen ehrlichen neuen Anfang wollen, zur Kommunion und zu den Sakramenten zu. Wir beteiligen Laien an den Entscheidungen unserer Pfarrgemeinden, wir praktizieren zum Teil das gemeinsame Abendmahl mit evangelischen Christen. Wir bilden auch Laien heran, um Gottesdienste zu leiten und Predigtdienst zu machen, weil wir angesichts des Mangels an Priestern keinen anderen Weg sehen, um die Gemeinden aufrechtzuerhalten.

Befürchten Sie keine Sanktionen?

Nein, wir fürchten das nicht, wir haben uns das alles gut überlegt. Wir würden auch welche in Kauf nehmen, weil es uns mit diesen Dingen sehr ernst ist. Es werden im Übrigen derzeit einige Priester sanktioniert, und zwar nicht in Österreich, sondern in der Slowakei und in Irland. Priesterkreise, die in eine ähnliche Richtung gehen wie wir, sind dort mit Suspendierungen bedroht. Obwohl sie kein Wort vom "Ungehorsam" gesagt haben.

Haben Sie Kontakte in andere Länder?

Ja. Es gibt Länder, in denen bereits Priesterkreise existieren, Frankreich, Irland, Deutschland, die Slowakei, die Vereinigten Staaten, Australien. Darüber hinaus gibt es viele Kontakte zu einzelnen Priestern, auch in Lateinamerika, in Afrika, zum Teil in Asien. Es wächst.

Die Pfarrer-Initiative ist aber weiterhin auf Österreich beschränkt.

Wir streben eine dezentrale Vernetzung mit anderen Organisationen an, aber die Pfarrer-Initiative bleibt eine österreichische Gruppe.

Wer ist Ihr Kontakt auf deutscher Seite?

Das ist die Pfarrer-Initiative Deutschland, und in einzelnen Diözesen, zum Beispiel in Passau, in Würzburg, in Freiburg, gibt es Kreise von Pfarrern, die mit uns kooperieren. Das wächst auch.

Sie sind Priester in Probstdorf, einer Gemeinde bei Wien. Wie kommt Ihr Engagement für die Pfarrer-Initiative bei den Gemeindemitgliedern an?

Da kommt es überwiegend positiv an, man trägt das mit. Es handelt sich ja zum größten Teil um Anliegen, die wir in unseren Gemeinden schon praktizieren. Für viele Leute sind das also keine Neuigkeiten.

Gibt es auch Gemeindemitglieder, die mit scharfer Ablehnung reagieren?

Scharfe Kritiker kenne ich nicht, aber es gibt wohl einige, die fragen, ob nicht manches zu schnell geht. Und es gibt vor allem Männer, aber auch Frauen, die mit der Idee des Frauenpriestertums nicht so recht mitkönnen. Aber das sind sehr wenige.

Hatten Sie schon Ärger mit Kardinal Schönborn, dem Erzbischof von Wien?

Ich glaube, es ist eher so, dass er Ärger mit uns hat. Gelegentlich lädt er uns zu Gesprächen ein. Er ist sicher nicht glücklich mit unserer Initiative, hält sich aber bis dato zurück mit Sanktionen gegen uns. Die will er, glaube ich, auch gar nicht.

Der Papst hat die Deutsche Bischofskonferenz kürzlich angewiesen, bei der Eucharistiefeier nicht mehr zu sagen, dass Jesu Blut "für alle" vergossen wurde, sondern "für viele". Er begründet seine Anweisung doch eigentlich recht filigran. Warum stört Sie diese Änderung?

Wie verstehen Sie seine Begründung?

Naja, der Papst betont in seinem Brief, dass die Übersetzung von "pro multis" mit "für alle" eine Interpretation war, und er sagt, dass die "sehr wohl begründet war und bleibt". Ich habe ihn so verstanden, dass er inhaltlich eigentlich nichts ändern will, er will nur sprachlich näher ans Original.

Aber jetzt stellen Sie sich einmal vor, wie wir das unseren Gemeinden erklären sollen. Zumal diese Anweisung ja auch einen Kontext hat: Sie kommt aus dem Bestreben, die Gottesdienstsprache komplett zurück zu entwickeln und auf dem Stand einzufrieren, den die Liturgie vor dem Zweiten Vaticanum hatte. Dabei geht es darum, die Gemeinschaft mit den Piusbrüdern und anderen konservativen Kreisen zu vertiefen, die sich schon immer an den neuen Liturgieformen gestoßen haben.

Sie treten in dieser Woche beim Katholikentag in Mannheim auf. Aber nicht im offiziellen Teil.

Nein, ich bin eingeladen worden vom Alternativprogramm der "Kirche von unten". Die haben mich schon vor längerer Zeit gefragt, ob ich einen Programmpunkt mit ihnen bestreiten würde.

Worum geht es da?

Die Veranstaltungsreihe heißt "Gespräche am Jakobsbrunnen", das spielt an auf die Gespräche Jesu mit der Samariterin im Johannesevangelium. Das sollen Treffpunkte für offene Diskussionen über kirchliche Reformthemen sein. Mein Programmpunkt ist am Samstagnachmittag. Ich werde aber schon am Freitag beim Katholikentag sein.

Anfang April hat Papst Benedikt XVI. Ihre Pfarrer-Initiative in seiner Gründonnerstagspredigt sehr ausführlich kritisiert. Hat Sie das überrascht?

Das hat uns sehr überrascht, auch die Ausführlichkeit, vor allem aber der Ton, den er angeschlagen hat, denn er hat nicht verurteilend oder verbietend, sondern eher im Stil von Gegenfragen gesprochen. Er hat auch Vermutungen über unsere Motive geäußert, die aus seinem Mund interessant geklungen haben, etwa, dass wir überzeugt seien, der "Trägheit der Institutionen mit drastischen Mitteln begegnen zu müssen", um die Kirche "wieder auf die Höhe des Heute zu bringen". Natürlich sind wir nicht so naiv zu glauben, dass er uns unterstützen will. Aber jedenfalls ist bemerkenswert, wie der Text ausgefallen ist. Wir knüpfen daran die Erwartung, dass vielleicht ein Gespräch mit ihm stattfinden wird. Denn er hat ja Fragen an uns gerichtet. Diese Fragen zu beantworten, würde uns sehr interessieren.

Er fragte zum Beispiel: "Ist Ungehorsam ein Weg, um die Kirche zu erneuern?" Das klingt doch eher nach einer rhetorischen Frage.

In einem kultivierten Umgang miteinander würde ich nicht jede Frage, die ein anderer stellt, als rhetorisch herabstufen. Ich gehe davon aus, dass jemand, der eine Frage stellt, auch an einer Antwort interessiert ist.

Mir erschien die Predigt zwar auch nicht aggressiv im Ton, aber der Papst hat schon deutlich gemacht, dass es Ihnen aus seiner Sicht an "Demut" fehlt. Er sagte: "Wir verkünden nicht private Theorien und Meinungen, sondern den Glauben der Kirche, deren Diener wir sind." Wie können Sie nach so einem Satz noch glauben, dass ein Gespräch mit ihm sinnvoll ist?

Wir können ihm ganz genau erklären, dass das nicht unsere Privatmeinungen sind, dass wir sehr wohl in der Tradition der Kirche stehen, dass wir aber Wert darauf legen, dass die Getauften, dass unsere Gemeinden Mitträger dieser Kirchenlehre sind. Der Dienst des Papstes und der Bischöfe beinhaltet, die anderen Dienste an dieser Lehre ernst zu nehmen. Kirche ist eine Gemeinschaft, in der alle ihren Beitrag leisten.

Aber ist nicht doch irgendwann ein Punkt erreicht, wo es für Sie sinnvoller ist, die Kirche zu verlassen, weil Sie mit Ihren Ideen da nicht weiterkommen?

Das habe ich nie gedacht, weil es mir eben nicht um meine Ideen geht. Es ist meine Kirche, zu der ich gehöre, die übrigens auch nicht den Bischöfen gehört - die Kirche ist niemandes Privateigentum.

Platt gefragt: Warum gehen Sie nicht einfach zu den Protestanten?

Wenn ich Familienvater wäre und in meinem Haus gäbe es Streit, dann würde ich auch nicht ins Nachbarhaus gehen und sagen, ich will jetzt dort wohnen. Nichts gegen die Nachbarn, aber dieser Gedanke ist mir einfach nicht zugänglich. Interessant ist ja, dass einige unserer Kritiker uns raus haben wollen und uns dann Spaltung vorwerfen. Die Mitglieder der Pfarrer-Initiative sind ausnahmslos Pfarrer, die täglich in der Gemeindearbeit stehen. Wir werfen nicht von irgendeiner Loge aus Kritik in den Zuschauerraum. Wir halten die Gemeinden zusammen, wir nehmen auch Leute in die Gemeinden auf, die zurückkehren in die Kirche. Das riecht nicht nach Spaltung, würde ich sagen.

Sie waren nicht immer "nur" Pfarrer, sondern auch Präsident der österreichischen Caritas, Sie waren Generalvikar und Leiter der Ombudstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs. Glauben Sie, dass Sie mit ein bisschen mehr Anpassungsfähigkeit in der Kirche Karriere hätten machen können?

Das weiß ich nicht. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das stand nicht in meinem Fokus. Ich habe an all diesen Stellen immer das gesagt und gemacht, was ich im Sinne der Kirche für richtig halte.

Missbrauchsbeauftragter waren Sie neun Jahre lang, bis 2005. Angesichts der ungeheuren Fülle an Missbrauch und Vertuschung drängt sich der Eindruck auf, die Kirche sei strukturell ein idealer Platz für Kinderschänder: wenig Transparenz und ein hoher Grad an Autorität. Ist nicht spätestens die Welle der wirklich unfassbaren Enthüllungen seit 2010 ein Grund, der Kirche den Rücken zu kehren?

Nein, das ist nur ein Grund, sich dafür einzusetzen, dass alles anders wird in der Kirche. Und ich glaube, es kann auch alles anders werden. Im Schock der zweiten Enthüllungswelle hat man Gottseidank endlich damit begonnen, sowohl in Deutschland wie auch in Österreich, erste Schritte zu setzen zu einer strukturellen Antwort auf das Problem: in Richtung eines professionellen Umgangs mit den Gefahren, einer Transparenz der Arbeit und eines anderen Umgangs mit den Geschädigten. Dass man sich bewusst sein muss, dass auch die Kirche zum Tummelplatz für Menschen werden kann, die mit bestimmten Störungen in ihrer Persönlichkeit eine Gefahr für andere darstellen. Das alles wird mehr und mehr erkannt, wenn auch verschleppend und noch nicht von allen Bischöfen. Es gibt Ansätze, auch wenn sie zum größten Teil noch aus Papier bestehen und erst noch gelebt werden müssen. Dann wird sich zeigen, wie ernst es der Kirche wirklich ist.




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