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Null Toleranz, Null Antwort

Die Zeit
June 1, 2012

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In den USA werden straffallig gewordene Priester entlassen. Nun gibt es erste Stimmen, die diesen harten Kurs auch in Deutschland einschlagen wollen. Doch damit wurde sich die katholische Kirche der Verantwortung fur die Tater entledigen

Wollen die katholischen Bischofe ihren Kurs im Missbrauchsskandal andern? Der neue Kolner Generalvikar Stefan He?e verriet dem „Kolner Stadt-Anzeiger“, dass es daruber Diskussionen gibt. Manche Oberhirten liebaugeln damit, die zehn Jahre alte strikte Politik ihrer amerikanischen Kollegen zu ubernehmen: Ist Missbrauch erwiesen, wird der Tater fur immer von pastoraler Arbeit ausgeschlossen. Ihm droht Entlassung. Offenbar suchen die Bischofe die Vorwartsverteidigung. Ihr Chefaufklarer Stephan Ackermann geriet im Marz ins Zwielicht. Opfer warfen ihm, dem Trierer Bischof, vor, dass er uberfuhrte Tater weiterbeschaftige. Einer von ihnen berichtete sogar, er sei in eine Auslandsgemeinde in der Ukraine versetzt worden und habe auch dort Kinder missbraucht.

Ackermann, der sich als redlicher Vorkampfer profiliert hat, rechtfertigte sich: Er verhalte sich kirchenkonform. Alle uberfuhrten Tater seien forensisch begutachtet worden. Keiner arbeite mehr mit Kindern oder Jugendlichen. Und es durfe kein Guantanamo fur Tater aus dem Klerus geben. Der Vorfall uberlagerte eine Erfolgsmeldung: Ackermann hatte kurz vorher durchgesetzt, dass die katholische Kirche bei der Entschadigung allen anderen gesellschaftlichen Gruppen vorangeht und minderjahrigen Opfern eine Entschadigung bis zu 5000 Euro zahlt. Der Kritik, die auf ihn zielt, mussen sich alle Kollegen stellen.

Null Toleranz – das klingt gut. Aber es hie?e: Die Bischofe sind bereit, das Problem an die Gesellschaft auszulagern. Richtig ware es stattdessen, Suchtverhalten aufzuarbeiten, die Tater bei der Therapie zu begleiten und nach Ursachen zu fragen, auch den strukturellen. Probleme wie das Verhaltnis der katholischen Morallehre zur Sexualitat gehoren ebenso auf die Tagesordnung wie die herausgehobene Rolle des Klerus mit weitreichenden Befugnissen, denn Macht macht anfallig fur ihren Missbrauch. Mit der Wendung zu null Toleranz brache der angstgesteuerte Aufklarungsfuror aus. Klaus Mertes warnte davor, der Jesuitenpater und Schulleiter, der den Skandal ans Licht brachte. Und von dem die meisten Bischofe bis heute auffallig Abstand halten. Aufklarung als Angstreflex sei, sagte Mertes, weder ein Dienst an der Wahrheit noch auch eine Hilfe fur die Opfer. Sie schiebt die Gefahr nur weg, aber bekampft sie nicht.

Null Toleranz, die wie ein Fortschritt klingt, bedeutet eine Flucht vor der Verantwortung. Von den Opfern ist bei He?e kaum die Rede. Sein Interview im „Kolner Stadt-Anzeiger“ spricht eine entlarvend kirchenorientierte Sprache. Eigentlich sei null Toleranz keine wirkliche Losung, sieht auch der Generalvikar ein, aber mit einer fatalen Begrundung: „Ein Ex-Pfarrer wurde nach wie vor der Kirche zugeordnet.“ Andererseits, und das spreche wieder fur null Toleranz, gehe es um die Glaubwurdigkeit der Kirche: „Kann ein Tater noch glaubhaft im Auftrag der Kirche Evangelium verkundigen?“ Die Frage musste lauten: Konnen die Opfer und kann die Gesellschaft noch das Evangelium horen, wenn Bischofe es predigen? He?es Botschaft sagt: Bischofe haben die Kirche im Blick. Aber sie meint: Bischofe sollen nicht beschadigt werden. Wieder nicht. Schon vor einem Jahr einigten sich die Bischofe auf einen gemeinsamen Akt der Bu?e in einem Gottesdienst. Er blieb um einiges zuruck hinter einzelnen Vorbildern, etwa dem des Osnabrucker Bischofs Franz-Josef Bode. Er hatte sich minutenlang auf dem Boden vor dem Altar seines Doms ausgestreckt. Manche Opfer mochten die Kirche bluten sehen. Wollen manche Bischofe das auf Priester abwalzen?

Die Verscharfung, die He?e andeutet und die der Forderung einiger Opfer entgegenkommt, schmeckt danach, als sollte sie eher das eigene Ansehen schutzen als den Missbrauchsopfern gerecht werden. Sie signalisiert Lernbereitschaft, aber in die falsche Richtung. Ihr liegt das Missverstandnis zugrunde, dass nichts auf die Kirche kommen darf. Es hat seinen Grund darin, dass die Kirche im katholischen Denken als die vorkommt, die im Auftrag Gottes Vergebung erteilt. Sie gebe, sagt der katholische Katechismus, den Menschen „das Beispiel der Heiligkeit“. Manche Verantwortliche erliegen einem Fehlschluss und sehen sich vor allem als Reprasentanten dieser Kirche. Wenn die Gesellschaft sie als Sunder wahrnimmt, konnen sie sehr legalistisch reagieren. Sie pochen auf Rechte, die sie ihren Beschaftigten zu oft verweigern. Anders als jeder offentlich oder privat Angestellte kann sich ein Priester nur sehr schwer gegen eine Entlassung wehren.

Eine Kirche, deren Botschaft Umdenken und Vergebung lautet, die predigt, dass kein Vergehen so schwer wiegt, dass es Menschen fur immer von Gott trennt, darf Tater nicht von vornherein auf alle Zeit aussperren. Sonst kann sie zwei Bitten aus dem Vaterunser streichen. Sie muss Wege anbieten, auf denen Opfer den Tatern und auch der Kirche vergeben konnen. Papst Benedikt XVI. hat bisher als Einziger die Sensibilitat aufgebracht, daran zu erinnern. Die Kirche muss bereit sein, ihren Standort auf der Seite der Tater einzunehmen, und akzeptieren, dass sie keine Vermittlerrolle ubernehmen kann. Und dass Menschen die Seelsorge der Taterorganisation ablehnen. Die Kirche muss sich anhoren, dass Jugendliche ihre Sexualitat von kirchlichen Ge- und Verboten umstellt sahen und sich manche deshalb nur schwer gegen Ubergriffe wehren konnten.

Eine Konsequenz aus diesen Einsichten bedeutet, dass die Kirche den Opfern eine Behandlung der Tater schuldet. Auch wenn sie sich damit in der Gesellschaft unbeliebt macht, weil ihr Vorgehen sie in den Ruf bringen kann, sie kummere sich mehr um Tater als um Opfer. Kirchengema? ist es, wenn Vorgesetzte Druck auf Priester ausuben, eine Therapie zu durchlaufen, statt ohne Uberzeugung blo? den notigen Schein beizubringen. Ein Hinauswurf wurde dem Tater seine Gemeinde und seine Kirche nehmen, also das, was fur andere Beruf und Familie bedeutet und damit die starksten Motive, sich zu andern. Personalreferenten mussen bereit sein, zeitweise mit in die Therapie zu gehen und sich nicht damit zu entschuldigen, dafur hatten sie keine Zeit. Und es gehort zum Vorgehen, dass sie die Tater nicht langer als unbedingt notig vor ihrer Gemeinde verstecken.

Jeder Mensch hat das Recht auf einen Neubeginn, das Opfer und auch der Tater. Dafur mussen Bischofe ihr Ansehen zuruckstellen.

 

 

 

 

 




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