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Kritik an Der Kaltherzigkeit Dublins

By Martin Alioth
Neue Zurcher Zeitung
February 7, 2013

www.nzz.ch/aktuell/international/kritik-an-der-kaltherzigkeit-dublins-1.17985575

Vertreterinnen der «Magdalenerinnen»-Vereinigung vor der Presse.

Die irische Regierung hat das an «Magdalenerinnen» begangene Unrecht zwar bedauert, aber keine Entschuldigung geleistet. Dies hat Befremden ausgelöst.

Martin Alioth, Dublin
Die erste offizielle Reaktion auf den am Dienstag veröffentlichten Bericht über die sogenannten Magdalenen-Wäschereien zwischen 1922 und 1996 hat Befremden ausgelöst. Der von einer Beamtengruppe unter dem Vorsitz eines Parlamentariers vorgelegte, 1000 Seiten umfassende Bericht hatte zweifelsfrei festgestellt, dass der irische Staat für die unentgeltliche Zwangsarbeit von mindestens 10 000 Frauen mitverantwortlich gewesen war. Die bisher gültige Behauptung, es habe sich um private, von Nonnen betriebene Unternehmungen gehandelt, in denen die Frauen freiwillig arbeiteten, ist unhaltbar geworden.

«Vollkommen ungenügend»

Einstige «Magdalenerinnen» dringen seit langem auf eine formelle Entschuldigung im Namen des irischen Staates. Premierminister Kenny hatte vorab Kenntnis von den Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe. Dennoch begnügte er sich am Dienstag im Parlament damit, die Lebensumstände dieser Frauen zu bedauern. Ähnlich äusserte er sich am Mittwoch. Ferner drückte er sein Bedauern darüber aus, dass es so lange gedauert habe, bis die Stigmatisierung dieser Frauen als sittenlose Wesen korrigiert worden sei. Übereinstimmend bewerteten die Opfergruppen, die Opposition und die Medien diese Wendungen als vollkommen ungenügend. Die Sinn-Fein-Politikerin Mary-Lou McDonald bezeichnete die Vorgänge in den Wäschereien als «sehr irische Variante der Sklaverei».

Da Kenny als Mann mit einer intakten emotionalen Intelligenz gilt, befremdet seine Hartherzigkeit. Während seiner gewundenen Antworten im Parlament wurde offensichtlich, dass es ihm selber nicht wohl dabei war. So wird seither darüber spekuliert, dass die Regierung aus Furcht vor den finanziellen Konsequenzen einer bedingungslosen Entschuldigung derart kleingeistig reagiert habe. Den «Magdalenerinnen» war schon 2002 der Zugang zum riesigen Entschädigungsfonds für die Opfer institutionellen Missbrauchs verweigert worden, weil der Staat seine Komplizität damals noch vehement bestritten hatte. Nun aber drängt die Zeit, denn die paar hundert noch lebenden Opfer brauchen rasch Hilfe, um ihre letzten Tage in Würde zu verbringen.

Ein neuer Name

Der nach dem Namen des Ausschuss-Vorsitzenden McAleese genannte Bericht unterscheidet sich im Tonfall beträchtlich von früheren Berichten über Missbrauch und Vertuschung. Es ist unübersehbar, dass McAleese, Ehemann der früheren Präsidentin und tiefgläubiger Katholik, bei jeder sich bietenden Gelegenheit entlastende Gründe für die beteiligten Nonnenorden sucht. Die einstige Praxis beispielsweise, den meist sehr jungen Frauen bei ihrem Eintritt in die Wäscherei einen fiktiven Namen zu geben, wird seit langem von den Opfern als demütigender Angriff auf ihre bereits bedrohte Identität gegeisselt. Doch in seinem Vorwort stellt McAleese dieser Kritik die Begründung der Nonnen gleichberechtigt gegenüber. Das Ziel sei die Bewahrung der Anonymität und der Privatsphäre gewesen – als ob diese Frauen überhaupt noch eine Privatsphäre gehabt hätten.ё




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