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"Ich Bin Von Einem Geistlichen Missbraucht Worden"

Badische Zeitung
April 11, 2015

http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/ich-bin-von-einem-geistlichen-missbraucht-worden--103137133.html

["I was abused by a priest"]

Sabine Meier [Name von der Redaktion geandert] ist aufgeregt, als sie das Freiburger Friedrichsbau-Kino betritt. Sie hat ein mulmiges Gefuhl, sich extra ein paar Freunde mitgenommen, um "Verfehlung" anzuschauen. Der Film, Ende Marz angelaufen, handelt von einem Pfarrer, der Jugendliche missbraucht, und von der Frage, wie katholische Kirchenvertreter damit umgehen. Der Tater leugnet lange und beharrlich. Es geht ums Vertuschen, um interne Losungen und verlorene Glaubwurdigkeit. Um Satze wie "Die Kirche ist eine Mutter, und eine Mutter schlagt man nicht". Manches kommt Sabine Meier bekannt vor. Sie ist aufgewuhlt, nimmt regen Anteil an der anschlie?enden Publikumsdiskussion. Dann sagt sie zum ersten Mal offentlich: "Ich bin missbraucht worden."

Szenenwechsel: Meiers Wohnkuche in einer Gemeinde in der Nahe von Freiburg. Wochenlang hat die 48-Jahrige uberlegt, ob und was sie der Offentlichkeit uber sich erzahlen will. Bis heute wird sie von Erinnerungen an einen katholischen Geistlichen heimgesucht, der sie schon als Madchen missbrauchte – uber viele Jahre hinweg. Der Mann sei "ein richtig guter Freund der Familie" gewesen. "Noch heute habe ich Flashbacks", sagt sie. "Das hat mich gepragt, und es pragt mich noch immer."

Dass sie jetzt mit einem Journalisten redet, hat mit dem Frust der vergangenen Monate zu tun. Damit, dass sie sich im Sommer 2014 entschloss, fur die Anerkennung ihres Leids zu kampfen. Damit, dass sie weitere Opfer verhindern wollte. Dass das ein derart schmerzvoller Prozess werden wurde, hatte sie allerdings nicht gedacht.

Der Beschuldigte ist Pfarrer in Nordrhein-Westfalen

Als sich Sabine Meier am 23. Juli 2014 an Rechtsanwaltin Angelika Musella, die Missbrauchsbeauftragte der Erzdiozese Freiburg, wendet, will sie nicht Gerechtigkeit im juristischen Sinne – die Taten sind ohnehin verjahrt –, sondern Anerkennung von der katholischen Kirche. Dass die Opfer Geld bekommen konnen, habe sie nicht gewusst, sagt sie. Der Beschuldigte Karsten Klausmann [Name von der Redaktion geandert] geht auf die Mitte 70 zu. Er arbeitet laut Gemeinde-Homepage noch als Pfarrer in einem Ort in Nordrhein-Westfalen und genie?t dort Ansehen.

Das Gesprach mit der Freiburger Missbrauchsbeauftragten verlauft "absolut entspannt, wohlwollend und ausfuhrlich", erinnert sich Sabine Meier, "so, wie man es sich wunscht". Angelika Musella habe ihr gesagt, dass standardma?ig gepruft werde, ob das, was sie erzahle, plausibel ist – ob der Beschuldigte beispielsweise zum angegebenen Zeitpunkt uberhaupt am angegebenen Ort war. Sabine Meier hat dafur Verstandnis.

Ein gefuhlter Spie?routenlauf

Auch Robert Eberle, Sprecher der Erzdiozese Freiburg, hat Verstandnis. "Wir wissen, dass es fur die meisten Opfer ein schwerer Schritt ist, sich – oft nach Jahrzehnten – zu melden und das Geschehene zu schildern." Zu Musella, die Fragen der BZ nicht beantwortet, fasst Sabine Meier Vertrauen. Sie gewinnt aus dem Gesprach mit der Missbrauchsbeauftragten den Eindruck, dass sie ihr glaube. Und doch beginnt bald darauf das, was Meier einen Spie?rutenlauf nennt. Musella muss das mit einer eidesstattlichen Erklarung versehene Gesprachsprotokoll an die "Kommission fur Falle von sexuellem Missbrauch an Minderjahrigen durch Kleriker" im Bistum Munster weitergeben, denn dem gehorte und gehort der Beschuldigte an. Dieses Vorgehen schreibt die Deutsche Bischofskonferenz in den Regeln zu den "Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefugt wurde" vor.

Aus Munster wird Sabine Meier von einem Mitglied der Missbrauchskommission, einem pensionierten Kriminalbeamten, kontaktiert. Es gebe noch Fragen, schreibt Werner Brokers. Meier bittet, dass ihr diese wieder von Musella gestellt werden und sie zuvor den Fragenkatalog bekommt. Als sie ihn liest, ist sie "wutend und wirklich entsetzt". Gefragt wird nach kleinsten Details. "Das", findet Sabine Meier, "ist retraumatisierend." Sie beantwortet die Fragen dennoch. Wieder werden die Antworten uber Musella nach Munster geleitet.

Ein neuer Ansprechpartner kommt ins Spiel: Kommissionsmitglied Hermann Kahler. Nach den Erfahrungen mit Kripomann Brokers signalisiert Meier dem Kirchenjuristen schnell: "Sie mussen vorsichtiger mit ihr umgehen." Ihr Unmut und ihre Unruhe wachsen. Damit sie therapeutisch begleitet werden kann, uberweist ihr das Bistum Munster 1000 Euro. Meier findet – was in Freiburg sehr schwierig ist – kurzfristig einen Therapeuten. Das Geld wird sie wutend zuruckuberweisen, als sie aus Munster gesagt bekommt, dieser Therapeut sei fur ihren Fall nicht genugend ausgebildet und dass sie sich einen anderen suchen musse.

Und wieder benennt das Bistum Munster einen neuen Ansprechpartner. Von Musella erfahrt Meier, dass der Psychologe und Theologe Norbert Wilbertz sie im Namen der Munsteraner Kommission befragen soll. Meier willigt ein, auch, weil Musella ihr zuredet. Wilbertz, sagt sie, habe ihr nach den Telefonaten erklart, dass er keine Zweifel an ihrer Geschichte habe und dass der Fall ans Erzbistum Freiburg abgegeben werde. Doch kurz darauf erscheint dann doch wieder eine neue Verbindungsperson auf der Bildflache. Diesmal ist es der vom Bischof ernannte "Voruntersuchungsfuhrer" Norbert Gro?e Hundfeld; er entscheidet, wer befragt wird. Der Kontakt mit dem Rechtsanwalt wird einschneidend fur das Verfahren. Denn der Anwalt trifft den angemessenen Ton zu keinem Zeitpunkt und halt Grenzen nicht ein, findet Meier.

Fall geht an die Zentrale Koordinierungsstelle weiter

Gro?e Hundfeld teilt mit, dass der Beschuldigte befragt worden sei und es nun entscheidend auf eine weitere Vernehmung Meiers ankomme. Ein anberaumtes Gesprach mit der BZ muss er auf Bitten von Bischof Felix Genn absagen. Sabine Meier beschleicht zunehmend das Gefuhl, dass man ihr nicht glauben will. Dabei schreibt der Munsteraner Bistumssprecher Stephan Kronenburg doch explizit: "Unbedingt sollte den (mutma?lichen) Opfern mit Empathie begegnet werden."

Kommissionsmitglied Hermann Kahler teilt ihr Ende November mit, dass ihr Fall an die Zentrale Koordinierungsstelle in Bonn weitergeleitet worden sei. Diese ist mit Psychologen, Juristen und Theologen besetzt, pruft Antrage und gibt eine Empfehlung uber die Hohe der "Anerkennungsleistung" an das zustandige Bistum weiter, das dann die endgultige Entscheidung zu treffen hat. Auch bei Sabine Meier empfiehlt die Koordinierungsstelle, den Missbrauch anzuerkennen. Spater erfahrt sie, dass das Bonner Gremium anstelle der ublichen 5000 Euro sogar die Zahlung von 7000 Euro empfohlen habe.

In Freiburg soll Meier erneut "verhort" werden

Die Tatsache, dass ihr Fall inzwischen in der ehemaligen Hauptstadt gelandet ist, war fur Meier das Signal: Es tut sich etwas. Umso mehr wundert sie sich, als Gro?e Hundfeld ihr Anfang Dezember mitteilt, dass der Beschuldigte erneut vernommen werde und auch sie im Januar ein weiteres Mal "verhort" werden solle – und zwar in Freiburg durch zwei geschulte Frauen, die bislang nichts mit der Sache zu tun hatten. Wieder zwei neue Beteiligte? Sabine Meier schuttelt den Kopf. Einmal mehr wunscht sie sich stattdessen ihre erste Ansprechpartnerin Angelika Musella. Ohne Erfolg.

Am 12. Januar teilt Kirchenjurist Hermann Kahler Meier mit, dass die Koordinierungsstelle eine Empfehlung nach Munster geschickt habe. Die dortige Missbrauchskommission werde in etwa drei Wochen endgultig entscheiden. Meier hort erst einmal nichts mehr – ehe sie am 25. Februar von einer neuerlichen Wendung uberrascht wird: Das Bistum Munster halt sich – was vollig unublich ist – nicht an die Empfehlung aus Bonn. Und: Der forensische Psychiater Norbert Leygraf soll ein Glaubwurdigkeitsgutachten uber sie erstellen. Meier lehnt ab, denn Leygraf hat im Auftrag der Kirche gearbeitet, weshalb sie ihn als "opferfeindlich" einstuft.

Eine Kirchenrechtsprofessorin soll es richten

Glaubwurdigkeitsgutachten sind den Missbrauchsleitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zufolge moglich, "aber nicht die Regel", sagt der Sprecher der Freiburger Erzdiozese, Robert Eberle. Ob ein solches Gutachten auch vom mutma?lichen Tater erstellt werde, lasst das Bistum Munster offen. Erst hei?t es, es sei geplant. Zwei Wochen spater sagt Bistumssprecher Kronenburg: "Das steht noch nicht fest." Insgesamt dreimal habe man den Beschuldigten bislang vernommen. Was Karsten Klausmann gesagt hat, will das Bistum Munster – Stichwort "schwebendes Verfahren" – nicht sagen. Klar ist: Hatte er gestanden, ware die Akte langst geschlossen.

Einmal mehr wird Sabine Meier eine neue Ansprechpartnerin genannt: Eine Kirchenrechtsprofessorin soll es nun richten. Sie werde sich in den Fall einarbeiten und dann melden. Meier erfahrt derweil von "Fehlentwicklungen" in ihrem Fall: Offenbar hat Bonn zu fruh eine Empfehlung abgegeben, denn die kirchenrechtliche Voruntersuchung ist laut Bistumssprecher Kronenburg noch gar nicht abgeschlossen. Dies habe zu "nicht nachvollziehbaren Verzogerungen und kommunikativen Unklarheiten" gefuhrt, schreibt der Bischof von Munster, Felix Genn, am 13. Marz. "Das bedauere ich sehr." Genn weist auch darauf hin, dass er von der Unschuld des Beschuldigten ausgehe, "solange eine Straftat nicht endgultig erwiesen ist". Von Bischof Stephan Ackermann aus Trier, dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, bekommt sie mitgeteilt, dass er nicht weisungsbefugt sei.

Viele Ansprechpartner

Ende Marz schreibt Genn noch einmal an Meier: "Es ist mir ein Anliegen, mit allen mir zur Verfugung stehenden Mitteln die Aufklarung der von Ihnen angezeigten Missbrauche voranzutreiben." Er bittet sie um eine weitere Aussage, auch wenn dies fur sie "ein schmerzlicher Weg" sei. Die zehnte Ansprechperson kommt ins Spiel, als der Bischof vorschlagt, ein erfahrener Strafrichter, den der Prasident des Landgerichts Munster benennt, moge "au?erdienstlich das Untersuchungsverfahren in richterlicher Unabhangigkeit zu einem Ergebnis bringen".

Jetzt hat Sabine Meier genug, fur sie ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Sie ist zwar weiterhin bereit auszusagen, aber sie will nicht, dass jemand ihre Glaubwurdigkeit in einem Gutachten psychiatrisch uberpruft. Das, sagt sie, sei eine "Grenzuberschreitung". Und sie will auch nicht, dass schon wieder eine neue Person, diesmal ein Strafrichter, sie befragt. Dass Meier so viele verschiedene Ansprechpartner hatte, fuhrt Bistumssprecher Kronenburg darauf zuruck, dass zwei Bistumer involviert seien und das mutma?liche Opfer Kommissionsmitglieder abgelehnt habe.

"Das stimmt nicht", sagt Meier: Zum einen habe sie aus Freiburg mit Musella nur eine einzige Ansprechpartnerin gehabt, zum anderen bitte sie seit Monaten darum, Kahler und Musella als Kontaktpersonen zu belassen. Immerhin raumt Kronenburg ein, dass es moglichst wenige Ansprechpersonen geben solle. Ein oder zwei seien wunschenswert, sagt sein Freiburger Kollege Eberle.

Das Erzbistum Freiburg ist des Hin und Hers aus Munster offenbar auch uberdrussig. "Wir haben monatelang versucht, mit dem Bistum Munster zu einem abgestimmten Vorgehen zu kommen", sagt Sprecher Eberle. Im Interesse des "in unserem Erzbistum lebenden Opfers" musse eine Losung gefunden werden. Deshalb setze man die "fur die Anerkennung des Leids" vorgesehenen Schritte jetzt selbst um. Eberle kundigt fur das Erzbistum Freiburg an: "Wir helfen!" Auch wenn manche Falle nach Jahrzehnten einfach nicht mehr eindeutig zu klaren seien, es keine klaren Beweise fur Schuld oder Unschuld gebe, wurde, "wenn an der Glaubwurdigkeit von Opfern keine Zweifel bestehen", deren Leid anerkannt. Sie erhielten eine Anerkennungszahlung. Die Beschuldigten allerdings bleiben bei diesem Verfahren straffrei. Eine solche Zahlung, betont denn auch der Munsteraner Bistumssprecher Kronenburg, sei keine Bestatigung fur die behauptete Tat.

So sieht fur Sabine Meier Anerkennung nicht aus. Ob sie es dennoch dabei belassen wird? Sie will irgendwann auch zur Ruhe kommen, aber sie will auch, dass in Munster "aufgeraumt" wird. Dass das Erzbistum Freiburg dem Bistum Munster jetzt zuvorkommt und ihr Leid anerkennt, findet sie fair und mutig.

Ackermann will keinen Schlussstrich ziehen

Im Januar 2010 hatte der Jesuitenpater Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Falle von sexuellem Missbrauch offentlich beklagt. Die Deutsche Bischofskonferenz ernennt den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Sonderbeauftragten, der das Thema aufarbeiten soll. Unter anderem wurde eine Telefonhotline zur Beratung eingerichtet, es gab runde Tische, es wurde ein Praventions- und ein Entschadigungsfonds eingerichtet. Im Marz 2014 stellt Ackermann ein Forschungsprojekt vor, die Wissenschaftler sollen erganzend tatig werden. "Wir wollen Klarheit und Transparenz uber diese dunkle Seite in unserer Kirche", sagte Ackermann im Marz 2014. Im Januar 2015 zog Ackermann eine Zwischenbilanz und bekannte: "Einen Schlussstrich kann und darf es nicht geben."

Parallel legten die Bistumer eigene Berichte vor. So hat das Erzbistum Freiburg im vergangenen Jahr bekannt gegeben, dass es 185 Missbrauchsfalle seit 1942 ermittelt hat.

 

 

 

 

 




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