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Sexueller Missbrauch Erschuttert Die Kirche

By Bettina Kaps
Deutschland Funk
April 29, 2016

http://www.deutschlandfunk.de/frankreich-sexueller-missbrauch-erschuettert-die-kirche.886.de.html?dram:article_id=352632

[Sexual abuse shakes the Church in France.]

Erst jetzt kommt das Thema sexueller Missbrauch auf die Agenda der katholischen Kirche in Frankreich. Opfer organisieren sich, taglich mehren sich Enthullungen und Anklagen. Besonders pikant: Auch die traditionalistische Piusbruderschaft steht unter Verdacht.

Kardinal Barbarin, Bischof von Lyon wusste seit 2007 uber einen Missbrauchsfall Bescheid. Die Justiz ermittelt gegen den Pfarrer und den Kardinal eine Premiere in Frankreich (picture alliance / dpa / Aurelie Ladet)

Aymeri Suarez-Pazos wei?, dass er schwere Vorwurfe formuliert, aber der Vorsitzende des franzosischen Selbsthilfevereins AVREF ist sich seiner Sache absolut sicher. Ubersetzt bedeutet das Kurzel AVREF "Hilfe fur Missbrauch-Opfer in religiosen Bewegungen und fur ihre Familien".

"Wir wissen, dass es viele Bischofe gibt, die padophile Pfarrer schutzen. Und ausgerechnet auch jene Bischofe, die sich neuerdings als Weltmeister des Bedauerns und des Mitleids mit den Opfern darstellen. Uberall konnen neue Skandale aufbrechen. Es ist durchaus moglich, dass jetzt viele Opfer Klage einreichen werden."

Suarez-Pazos stutzt sich auf Informationen von Betroffenen, die sich an seinen Selbsthilfeverein wenden: Dort haben sich Menschen zusammengeschlossen, die personlich oder deren Kinder spirituellen oder sexuellen Missbrauch in katholischen Gemeinschaften erlitten haben. Er selbst stand 14 Jahre lang unter dem beherrschenden Einfluss des Opus Dei, war dort so genannter Numerarier. Die Mitglieder von AVREF unterstutzen sich nicht nur gegenseitig. Sie stellen auch Schwarzbucher gegen Gemeinschaften zusammen, die sie fur gefahrlich halten. Eine davon ist die Pius-Bruderschaft. Die traditionalistische Vereinigung um den inzwischen verstorbenen Erzbischof Marcel Lefebvre widersetzt sich den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils und halt bis heute etwa am Alten Ritus der Messe fest.

Sebastien Wailliez fuhlt sich inzwischen so gefestigt, dass er seinen Fall publik machen will. Als Kind habe er die Schulen und Jugendgruppen der Pius-Bruderschaft besucht, sagt der 39-jahrige Ingenieur.

"Ich kann uber spirituellen oder moralischen Missbrauch berichten, bin aber auch Opfer von Padophilie geworden. Es war bei den Pfadfindern. Der Pfarrer meiner Gruppe hat mich unsittlich beruhrt und einmal sogar eine Vergewaltigung versucht. Ich war 11 und 12 Jahre alt, der Missbrauch hat sich uber ein Jahr lang hingezogen."

Im Jahr 2005 entdeckte er dann auf dem Prospekt einer Pfadfindergruppe das Foto seines Peinigers. Daraufhin nahm er seinen Mut zusammen, suchte die Verantwortlichen der Piusbruderschaft auf, forderte Rechenschaft.

"Sie haben mir nur versprochen, dass der Pfarrer in Zukunft nicht mehr mit Kindern in Kontakt kame, haben eingeraumt, dass sie Fehler gemacht hatten und so etwas nicht mehr vorkommen wurde."

Aymeri Suarez-Pazos betont, dass der Verein AVREF weitere Zeugenaussagen uber Missbrauchsfallen in den Schulen der Piusbruderschaft gesammelt habe. Gerade die Piusbruder sind kirchenpolitisch besonders brisant. Papst Benedikt XVI. hatte 2009 die Exkommunikation von vier Bischofen der Pius-Bruderschaft aufgehoben und strebte eine Versohnung mit den Abtrunnigen an. Auch Papst Franziskus fuhrt Gesprache zur Wiedereingliederung. Gerade deshalb halt es der Verein AVREF fur uberaus wichtig, dass die mutma?lichen Straftaten bald vor Gericht untersucht werden, sagt Suarez-Pazos.

"Es ist durchaus moglich, dass die Piusbruderschaft in naher Zukunft eine Personalpralatur wird wie der Opus Dei, das wurde sie ziemlich unangreifbar machen."

AVREF hat auch eine andere, nach au?en hin besonders sittenstrenge Gemeinschaft im Visier: die "Ordensgemeinschaft vom Heiligen Johannes". Auch dort gab es offenbar sexuellen Missbrauch. So wurde ein Bruder der Johannesgemeinschaft 2015 zu acht Jahren Haft wegen Vergewaltigung und Missbrauch verurteilt. An diesem Freitag beginnt der Prozess gegen einen inzwischen ausgeschlossenen Bruder. Ihm wird vorgeworfen, dass er einen Erwachsenen und ein Kind sexuell missbraucht habe. Zuvor habe der Mann in einem Kloster in der Elfenbeinkuste gearbeitet und sei auch dort jahrelang mit Kindern in Kontakt gewesen, sagt Nelly Souron-Laporte, Rechtsanwaltin und Mitglied von AVREF.

"Noch gilt die Unschuldsvermutung. Aber es gibt schwere Verdachtigungen, dass sich der Mann auch in Afrika strafbar gemacht hat. Die Johannesgemeinschaft hat ihn nach Frankreich zuruck beordert und hier sofort wieder in eine riskante Umgebung gesteckt, das war nicht geschickt."

Der Mann habe Jugendlager in der Auvergne organisiert. Auch bei der Johannesgemeinschaft habe die Kirchenleitung bisher immer weggeschaut, sagt Aymeri Suarez-Pazos.

"Sie untersteht dem Bischof von Autun. Aber Monseigneur Riviere verleugnet diese Vorfalle, dabei wurden ihm die Akten und Klagen zugeschickt. Er reagiert einfach nicht."

Schlagzeilen machen aber im Moment nicht so sehr die Pius-Bruderschaft und die Johannesgemeinschaft, sondern verschiedene Missbrauchsskandale in der Mitte der Kirche. Der Selbsthilfeverein AVREF hofft, dass die jungsten Zeugenaussagen aus Lyon nun die Schweigemauer in der Kirche brechen und weitere Missbrauch-Opfer ermutigen, zur Polizei zu gehen. In Lyon haben sich seit Januar mehrere Manner zu einem Kollektiv zusammengeschlossen und eine Website mit dem Namen "La parole liberee" Das befreite Wort eroffnet. Auf ihrer Website haben schon 17 Opfer publik gemacht, wie sie als Kinder in einer Pfadfindergruppe von einem padophilen Pfarrer missbraucht worden sind.

Der betroffene Pfarrer hat seine Taten schon 1991 zugegeben, war aber bis letzten Sommer noch im Amt. Der Bischof von Lyon wusste seit 2007 Bescheid. Er habe den Pfarrer nicht vom Amt enthoben, sagte Kardinal Barbarin in einem Zeitungsinterview, weil dieser ihm versichert habe, dass seit 1991 nichts mehr vorgefallen sei. Die Justiz ermittelt nun gegen den Pfarrer und auch gegen den Kardinal das ist eine Premiere in Frankreich.

Unter dem Druck der vielen Enthullungen hat der Vorsitzender der franzosischen Bischofskonferenz, Georges Pontier, Mitte April reagiert und Ma?nahmen angekundigt.

"Zuerst einmal geht es uns um die Opfer. Es ist wichtig, dass alle Opfer eine Stelle bekommen, wo sie empfangen, gehort und begleitet werden. Sie konnen naturlich auch den zustandigen Bischof treffen. Jedes Opfer soll in unseren Diozesen ganz leicht Kontakt und Gehor finden konnen."

Au?erdem soll eine unabhangige Expertenkommission unter Leitung eines Laien gegrundet werden, um die Bischofe zu beraten, wenn sie entscheiden mussen, ob ein missbrauchsverdachtigter Pfarrer im Amt bleiben kann oder nicht.

Das Kollektiv "La Parole liberee" hat die Vorschlage sofort zuruck gewiesen. Auch Sebastien Wailliez, der in Rom erfolglos gegen die Pius-Bruderschaft geklagt hat, gibt sich damit nicht zufrieden.

"Das reicht vorne und hinten nicht. Die franzosischen Bischofe sollten sich daruber klar werden, dass man nicht Richter und Partei zugleich sein kann. In Lyon gab es vorher schon eine solche Anlaufstelle fur Opfer. Da hat man den Tater und eines seiner Opfer zusammen gebracht und sie Hand in Hand ein "Vater unser" und ein "Ave Maria" beten lassen. Das bringt doch nichts. Die Bischofskonferenz muss lernen, wie man mit solchen Dingen umgeht und darf nicht alles vermischen."

Aymeri Suarez-Pazos tut den Ma?nahmenkatalog der Bischofe als reine Werbeaktion ab. Der Vorsitzende der AVREF fordert: Ein Bischof, der Padophilie vertuscht hat, muss zurucktreten.

"Bisher uben alle Bischofe den Schulterschluss mit Kardinal Barbarin dadurch machen sie sich selbst unglaubwurdig. Fur mich haben alle, die Barbarin schutzen wollen, etwas zu verbergen. Wie soll ich ihnen da glauben, dass sie die Missbrauche auch wirklich ans Tageslicht bringen wollen?"

Auch in den vergangenen Tagen sind neue Falle publik geworden. Im Bistum Orleans ist ein Pfarrer seit 2012 wegen Padophilie angeklagt. Die Anzeige hat damals der Bischof erstattet, vom Priesteramt hat er den Mann aber erst jetzt suspendiert. "Ich hatte es fruher tun sollen", raumte Bischof Blaquart auf einer Pressekonferenz ein. Genau dieses Bistum gilt eigentlich als vorbildlich, weil es bereits vor einem Jahr eine Anlaufstelle fur Opfer eingerichtet hat. Seit Marz sind dort schon zwolf Anrufe eingegangen.

 

 

 

 

 




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