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Schwester Rosemarys Kampf

By Katrin Gansler
Deutschlandfunk
November 8, 2017

http://www.deutschlandfunk.de/missbrauch-und-vergewaltigung-in-nigeria-schwester.886.de.html?dram:article_id=400063

Ordensschwester Rosemary Ukata kampft in Nigeria entschieden gegen Missbrauch und Vergewaltigung (Deutschlandradio / Katrin Gansler )

Ordensschwester Rosemary Ukata sitzt in einem winzigen Buro in Ogoja, einer Kleinstadt im Suden Nigerias. Von au?en dringt der Stra?enlarm herein. Immer wieder kommt jemand, der ihren Rat braucht. Die 59-Jahrige, die aus dem Bundesstaat Abia im Sudosten des Landes stammt, bleibt gelassen und freundlich, aber auch bestimmt. Besonders viel Zeit nimmt sie sich fur Helen. Die junge Frau kann haufig nur stumm nicken, da ihr immer wieder die Tranen kommen. Schwester Rosemary fast Helens Geschichte zusammen:

"Helen ist eines der Vergewaltigungsopfer. Um genau zu sein, war es Inzest. Wir haben sie kennengelernt, weil ein Nachbar besorgt war. Er ist zu uns ins Buro gekommen und hat erzahlt, dass das Madchen vom Vater missbraucht worden ist. Dadurch ist es schwanger geworden."

Sexueller Missbrauch und Inzest sind in Nigeria strafbar. Doch meistens kommt es nicht einmal zu einer Anzeige. Genau das will die Ordensschwester, die 1999 das "Zentrum fur Frauenstudien und Einmischung" kurz CWSI gegrundet hat, andern. In einem aktuellen Fall steht beispielsweise gerade ein Mann vor Gericht, der eine Dreijahrige vergewaltigt hat. CWSI ubernimmt die Prozesskosten.

Auch im Fall von Helen gingen die Mitarbeiter zur Polizei. Doch die Antwort war ernuchternd:

Ein paar besorgte Leute

"Die Polizei hat uns gesagt, dass sie uberhaupt kein Verfahren einleiten kann. Das Kind Helen gehort zum Vater, und es ist minderjahrig. Der Vater habe schlie?lich keine Anzeige erstattet. Uber uns hie? es: Wird sind nur ein paar besorgte Leute und Menschenrechtsaktivisten", erzahlt Rosemary Ukata.

Auch Helen selbst, die heute Mutter eines funfjahrigen Sohnes ist, hat keine guten Erfahrungen mit staatlichen Stellen gemacht:

"Ich vertraue der Polizei nicht. Die lasst sich mit Geld bestechen und kummert sich dann nicht mehr", sagt die heute 20-Jahrige erlebt.

Mehrere Rechtsanwalte bestatigen das. Opfer sind deshalb auf nichtstaatliche Organisationen angewiesen. In Gro?stadten wie Abuja, Lagos und Port Harcourt gibt es mittlerweile ein paar, die sich explizit um Frauenrechte kummern. In landlichen Regionen ist das jedoch die Ausnahme. Dort gelten Missbrauch, Vergewaltigung und Inzest als Tabu und boses Omen. Deshalb verweigert auch Helens Mutter jeglichen Kontakt.

"Boses bleibt Boses"

Dass sich bis heute sowohl in der Gesellschaft als auch bei Behorden kaum etwas andert, hat fur Schwester Rosemary zwei Ursachen: Frauen sind in Nigeria wirtschaftlich wesentlich schlechter gestellt und konnen sich keinen Anwalt leisten. Au?erdem haben viele hochstens die Grundschule besucht und kennen ihre Rechte nicht. Genau fur diese setzt sich die Ordensfrau ein, betont aber:

"Ich wurde mich nicht selbst als Feministin bezeichnen, da ich nicht ausschlie?lich fur Frauen kampfe. Ich kummere mich um Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Da gibt es auch Manner, die unterdruckt werden. Auch bei solchen Fallen haben wir uns eingesetzt."

Dabei hilft die graue Tracht ihres Ordens "Dienerinnen des Heiligenkindes Jesu" dieser wurde 1931 von einer irischen Ordensschwester in Nigeria gegrundet haufig enorm:

"Egal, wohin wir kommen. Die Menschen glauben an uns und unterstutzen unsere Arbeit. Sie wissen, dass wir als katholische Ordensschwestern keine Familien ernahren mussen. Wir werden keine Hauser bauen und sind nicht auf der Suche nach Autos."

So viel Ruckgrat wunscht sich die Ordensfrau aber auch von ihrer eigenen Kirche, in der es ebenfalls zu zahlreichen Missbrauchsfallen gekommen ist:

"Boses ist Boses, egal, wo, auf welcher Eben und von wem es kommt. Die Kirche gilt als Hoffnung der einfachen Leute. Fur sie stellen wir das Gute dar. Wenn wir von dem abweichen, fur das wir bekannt waren, ja was bis heute unser Kennzeichen ist, dann ist klar: Irgendetwas lauft falsch."

"Das ist Helen, die den Sohn ihres Vaters zur Welt gebracht hat"

Ihre Entscheidung fur ein Leben als Ordensschwester hat Rosemary Ukata nie bereut. Die hat sie schon als Jugendliche getroffen, nachdem ihr Bruder sie auf die Idee gebracht hatte. Unter anderem schatzt sie daran, dass sie bereits in ganz Nigeria gearbeitet hat und standig mit unterschiedlichen Menschen zusammen kommt. Auch wenn sie oft mit schweren Menschenrechtsverletzungen konfrontiert wird, beobachtet Schwester Rosemary eine Entwicklung, uber die sie sich freut: Frauen ubernehmen zusehends mehr Aufgaben innerhalb der Kirche. In Nigeria seien sie langst zu deren Lebensader geworden. Auch im Gottesdienst werden sie immer sichtbarer.

"In der Vergangenheit war es noch so: Wenn au?er einer Frau auch ein Priester, ein Diakon oder ein Seminarist die Kommunion verteilt hat, konnte man folgendes beobachten: Die Schlangen vor dem Priester und dem Diakon waren lang. Zu der Frau sind jedoch nur eine Handvoll Menschen gegangen. Doch diese Einstellung verblasst immer mehr."

Mehr Prasenz von Frauen in der Offentlichkeit konnte schlie?lich dazu fuhren, dass sich ihre Stellung in der Gesellschaft kunftig andert und ihre Rechte mehr in den Vordergrund rucken. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg, was die aktuelle Situation von Helen zeigt. Schwester Rosemary Ukata:

"Sie hat ein dauerhaftes Stigma. Quasi jeder in der Stadt kennt sie: Ach Helen. Helen, die den Sohn ihres Vaters auf die Welt gebracht hat. Sie weint deshalb so viel, weil sie mit diesem Stigma leben muss. Deshalb ist mein Ziel, dass sie die Stadt verlasst. Das wird ihr sehr gut tun."

Schwester Rosemary hat das "Zentrum fur Frauenstudien und Einmischung" gegrundet, das Opfern auch rechtlichen Beistand leistet (Deutschlandradio / Katrin Gansler)

 

 

 

 

 




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