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Erzbistum Offensive Gegen Sexuellen Missbrauch

The Welt
June 27, 2012

http://www.welt.de/regionales/hamburg/article107279736/Erzbistum-Offensive-gegen-sexuellen-Missbrauch.html

Noch immer ist im Durchschnitt jedes vierte Mädchen und jeder achte bis elfte Junge von sexueller Gewalt betroffen. Die katholische Kirche reagiert nun mit einer Präventionsordnung auf die Missbrauchsfälle, die im Jahr 2010 bekannt geworden waren

Eine Präventionsordnung des Hamburger Erzbistums soll Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verhindern. Mehr als 6000 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter müssen an zweitägigen Schulungen teilnehmen.

Tausende haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Erzbistums Hamburg werden in den nächsten Monaten zwei Tage lang geschult, um sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche vorzubeugen. Die Schulungen gehören zur Strategie einer jetzt von Erzbischof Werner Thissen in Kraft gesetzten kircheninternen Präventionsordnung. Damit zieht das Erzbistum Hamburg Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen bei Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen.

Nach Angaben von Domkapitular und Personalchef Ansgar Thim wurde inzwischen ein Priester wegen Missbrauchsverdachts suspendiert. Zwei weitere Verfahren werden derzeit im Vatikan geprüft. Den Geistlichen droht möglicherweise die Rückversetzung in den Laienstand.

50 Opfer klagen auf finanzielle Entschädigung

"Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht", sagt Thim mit Hinweis darauf, dass die meisten der bekannt gewordenen Taten strafrechtlich verjährt sind. Insgesamt 50 Opfer klagen im Erzbistum Hamburg auf finanzielle Entschädigung, mindestens 38 davon werden als glaubwürdig eingestuft. Sie sollen jeweils 5000 Euro erhalten. Außerdem trägt die katholische Kirche die Kosten für die psychotherapeutische Aufarbeitung der Missbrauchstraumata.

An den bereits gestarteten Präventionsschulungen werden 200 Priester, Diakone und 200 pastorale Mitarbeiter im Kinder- und Jugendbereich teilnehmen. Außerdem sind viele der 6000 Caritas-Mitarbeiter sowie weiterer Einrichtungen in Schulen und Kindergärten, aber auch ehrenamtliche Fachleute aus rund 90 Gemeinden zum Besuch der Schulung aufgefordert.

"Präventive Arbeit ist als eine Grundhaltung zu verstehen, die die Rechte von Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen achtet, aktiv fördert und durchsetzt", sagte die Präventionsbeauftragte des Erzbistums Hamburg, Mary Hallay-Witte.

Verhaltensregeln für Nähe- und Distanzverhältnis

Die Schulungen umfassen unter anderem Verhaltensregeln für ein fachlich adäquates Nähe- und Distanzverhältnis sowie grundlegende Informationen zu Kindeswohlgefährdungen und sexueller Gewalt. Außerdem gibt es Empfehlungen zum Umgang mit Kindern und Jugendlichen auf Freizeiten. Nach der Instruktion des bischöflichen Generalvikars ist in Schlaf- und Sanitärräumen "der alleinige verweilende Aufenthalt einer Bezugsperson mit einer minderjährigen Schutzperson zu vermeiden".

Zur umfangreichen Präventionsordnung des Erzbistums Hamburg zählt auch eine Selbstverpflichtungserklärung. Mit ihrer Unterschrift bekräftigen die Mitarbeiter ihre Bereitschaft, aktiv gegen jedes diskriminierende, gewalttätige und sexistische Verhalten Stellung zu beziehen. Das gelte auch für den Umgang mit Medien, "insbesondere bei der Nutzung von Mobiltelefon und Internet".

Die sexuelle Präventionsarbeit bezieht sich nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auch auf erwachsene Schutzbefohlene. So sind Frauen mit Behinderungen überdurchschnittlich häufig von sexueller Gewalt betroffen.

20 bis 34 Prozent behinderter Frauen Missbrauchs-Opfer

Nach einer Studie der Universität Bielefeld haben 20 bis 34 Prozent der Frauen mit Behinderungen in ihrer Kindheit und Jugend sexuellen Missbrauch durch Erwachsene erlebt. Sie sind damit etwa zwei- bis dreimal häufiger davon betroffen als Frauen ohne Behinderung.

Wie Domkapitular Thim sagte, leiste die katholische Kirche mit ihrer Präventionsordnung einen Beitrag zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Noch immer ist im Durchschnitt jedes vierte Mädchen und jeder achte bis elfte Junge von sexueller Gewalt betroffen. Wichtig sei daher eine "Kultur der Achtsamkeit und des Hinhörens" gegenüber sexualisierter Gewalt.

Im Frühjahr 2010 hatte ein Missbrauchsskandal die katholische Kirche erschüttert. Neben dem Berliner Canisius-Kolleg wurden zahlreiche Fälle auch an anderen katholischen Schulen und Einrichtungen bekannt. In einem Brief an die Gemeinden hatte Erzbischof Werner Thissen im Mai 2010 auch das Versagen der Kirche bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle eingeräumt.

Wunden für ein ganzes Leben

"Uns war erschreckend wenig bewusst, wie sehr Kindesmissbrauch Wunden für ein ganzes Leben schlagen kann. Erst recht dann, wenn alles verheimlicht wird und so keine Hilfe durch Gespräch oder Therapie gegeben werden kann."






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